Wohnbebauung in Hybridbauweise: Variable Eleganz

Wohnbebauung in Hybridbauweise: Variable Eleganz

Realisierte Objekte

Wohnbebauung in Hybridbauweise: Variable Eleganz

Text: Christoph Roedig & Ulrich Schop | Foto (Header): © STEFAN MÜLLER

In Berlin-Adlershof haben roedig . shop architekten Mietwohnungen geplant, die durch ihre Zuschnitte den Bewohnern eine variable Nutzung ermöglichen. Mit seiner dunklen Fassade aus Faserzementplatten wirkt die Wohnbebauung sehr elegant und ansprechend – und das bei einer sehr kostensparenden und energetisch sinnvollen Bauweise.

Auszug aus:

Städtebauliches Konzept

Das Gebäudekonzept sieht eine durchlaufende, straßenbegleitende Bebauung vor, die ein einheitliches Ganzes bildet und ihre Lebendigkeit durch ein Fassadenspiel mit Abwechslung im Detail entfaltet. Die drei Geschosse mit leicht zurückspringendem Staffelgeschoss nehmen die Höhen der Nachbarn auf und fügen sich so gut in das Ensemble am Anger ein. Loggien und deutlich ausgearbeitete Eingangsbereiche strukturieren den langgestreckten Baukörper. Der einheitliche Charakter wird durch eine horizontale Gliederung mit Fassadenbändern gestärkt. Sockelgeschoss und Vorgärten schaffen eine klare Zonierung und Abfolge von öffentlichen bis hin zu privaten Räumen. Der Baukörper hat eine Tiefe von 13,50 m und eine zeitgemäße Proportion.

Gebäude und Grundrisse

Die Erschließung über acht Eingänge bildet überschaubare Nachbarschaften, wobei es an jeder der acht Aufgänge ein Angebot aus kleinen und großen Wohnungen gibt. Eine soziale Mischung der Hausgemeinschaften aus verschiedenen Gruppen (Singles, Paare mit Kindern,  Senioren) ist so möglich. Das lange Haus ist in zwei Bereiche mit zwei verschiedenen Standards aufgeteilt. In dem einen Bereich gibt es  Aufzüge, in dem anderen nicht, denn bei vier Etagen sind Aufzüge nicht vorgeschrieben. Die Wohnungen mit dem höheren Standard haben Parkettboden, in den anderen liegt Linoleum. Wer einfacher wohnt, zahlt auch weniger Miete.

Die Erschließung ist als Zweispänner organisiert. Jede Wohnung hat so immer mindestens zwei verschiedene Ausrichtungen nach Nordost und Südwest und Bezüge von Anger und Straße bis in den Garten. Wohnküchen und Wohnräume sind optional zum Anger oder zum Garten orientiert, wodurch sich gleichberechtigte Räume ergeben. Durch diese annähernd gleich großen Raumzuschnitte sind die Wohnräume nutzungsneutral. Die Bewohner können selber entscheiden, welche Räume und Lagen sie als Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Kinderzimmer bevorzugen und diese Aufteilung auch später ändern.

Lageplan
GRAFIK: ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN

Montage der Holzfassade
FOTO: ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN

Die horizontale Gliederung mit Fassadenbändern stärkt den einheitlichen Charakter des Gebäudekomplexes.
FOTO: STEFAN MÜLLER

Adlershof ist ein neues Wohnquartier, welches sich noch in der Entwicklung befindet. Es gab wenig Erfahrung, ob hier kleine oder große Wohnungen besser vermietet werden. Daher ist die Wohnungsaufteilung über die flexible Querschaltung von Räumen entlang der Längsachse variierbar. Um unterschiedliche Wohnformen anbieten zu können, wurde der Bauteil 1 mit einfachem bis mittlerem Standard für Familienwohnungen mit abtrennbaren Küchen ausgestattet. Im Bauteil 2 wurden die Wohnungen mit einem kombinierten Wohn-Essbereich geplant, sodass Wohngemeinschaften mit zwei bis drei gleichwertigen Zimmern und kleinen zur Loggia orientierten Gemeinschaftszonen entstehen.

Blick in eine Vierzimmerwohnung mit Holzparkettboden.
FOTO: STEFAN MÜLLER

Durch den Wohnungsmix und unterschiedliche Wohnungsgrößen bei jedem Hauseingang ergibt sich automatisch eine soziale Mischung der Hausgemeinschaften.
GRAFIK: ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN

Grundrisse EG (oben) sowie 1. und 2. OG (unten, baugleich).
PLÄNE: ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN

Erschließung, Ein- und Übergänge

Jeweils vier Hauseingänge an der Katharina-Boll-Dornberger-Straße und am Anger sind über die Gebäudekubatur und die Strukturierung der Vorgartenzonen klar definiert. Hier gibt es Fahrradabstellbügel, Bänke und die Hausnummerierung in Form von skulpturalen Betonstelen als prägendes Element. Sieben bis acht Wohnungen bilden eine Nachbarschaft. Vom Hauseingang gelangt man über eine Zwischentreppe auf das Niveau des Erdgeschosses mit Treppenraum und Durchgang in den Garten. Hier bilden die Mietergärten eine ausreichende Pufferzone der Wohnungen zur Rampe, mit der das Erdgeschoss auch barrierefrei über die Gartenseite erreicht werden kann.

Kostengünstig in Errichtung und Betrieb

Der Energieeffizienzhaus – 70 – Standard wurde durch eine kompakte Bauweise und die hinterlüfteten Fassaden erreicht. Die hochgedämmten Holzaußenwandelemente konnten durch einen hohen Vorfertigungsgrad kostengünstig hergestellt werden. Dabei haben Architekten und Bauherr Wert auf klimaneutrale, nachhaltige und langlebige Fassadenbaustoffe gelegt. Die Loggien liegen wirtschaftlich und energetisch sinnvoll übereinander. Die Gebäude wurden kostengünstig mit hohem Mauerwerksanteil in massiver Bauweise geplant und die Spannweiten der Decken sind wirtschaftlich gewählt. Ein hoher Anteil an Halbfertig- und Fertigteilbauweisen sicherte einen  zügigen Baufortschritt. Der vorhandene Fernwärmeanschluss wird für Heizung und Warmwassererzeugung genutzt, und die Fenster erhielten eine entsprechende Isolierverglasung. Die Treppenhäuser sind roh gehalten: Betonwände haben keine Beschichtung und müssen somit auch nicht mehr nachgestrichen werden. Die Treppen sind einfache Betonfertigteile – ohne Bodenbelag und Sockelleisten.

Nicht beheizte Räume wie Müllräume und Fahrradräume liegen bei einer wirtschaftlichen Bauweise sinnvollerweise nicht in der beheizten Gebäudehülle. Die Müllentsorgung und weitere Fahrradabstellplätze wurden durch die Unterbringung in begrünten Nebengebäuden an den Seitenstraßen vom Angerbereich ferngehalten. Die kurzen Wege für die Müll- und Recyclingabfuhr sparen Betriebskosten.

Der höhere Aufwand zur Erreichung eines KfW 55-oder KfW 40-Standards wurde untersucht. In Abwägung von Kosten und Nutzen wurde jedoch ein KfW 70-Standard in Abstimmung mit dem Bauherrn festgelegt.

Betonstelen mit den Hausnummern, Bänke und Fahrradständer
markieren die Eingänge.

FOTO: STEFAN MÜLLER

Schnitt durch das Gebäude: Rechts im Bild die privaten Mietergärten vor den Erdgeschosswohnungen und – etwas tiefer gelegen – das Gelände für die gemeinschaftliche Nutzung.
GRAFIK: ROEDIG . SCHOP ARCHITEKTEN

Freianlagen

Die Außenanlagen umfassen die Vorgartenzone und den rückwärtigen Gartenbereich. Letzterer gliedert sich in zwei unterschiedliche Höhenniveaus: Die private, den Erdgeschosswohnungen zugeordnete bzw. als Mietergärten nutzbare Zone liegt auf dem Niveau des Hochparterres und damit teilweise auf der Tiefgarage. Die Mietergärten sind mit Hecken eingefriedet und mit Zierobstgehölzen bepflanzt. Das ca. 1,40 m tiefer auf Straßenniveau gelegene, halbprivate Gelände kann gemeinschaftlich durch die Bewohner genutzt werden. Hier befindet sich ein Aufenthaltsbereich für alle Nutzergruppen mit Kinderspielplatz und Sitzbänken. Regenwasser verbleibt generell auf dem Grundstück und wird in dezentralen Mulden sowie einer Rigole versickert. Die Dachflächen sind als Gründach mit extensiver Bepflanzung geplant.

Ausblick

Berlin braucht sowohl bezahlbaren Wohnraum als auch Baukultur im Wohnungsbau. Die Wohnungsbaupolitik wird derzeit nur in Wohnungszahlen ausgedrückt, großformatige Monoquartiere wie in der Vergangenheit sollten aber unbedingt vermieden werden. Die Durchmischung von frei finanzierten und öffentlichen Mietwohnungen, Genossenschaften, Eigentum, Studentenwohnen und Baugruppen, wie sie im Quartier Wohnen am Campus umgesetzt wurden, sind eine gute Voraussetzung für ein lebendiges Quartier. Ebenso braucht es eine Durchmischung mit Gewerbe und Kultur. Wohnprojekte müssen auch Potenzial für Experimente mit nachhaltigen Baustoffen und zeitgemäße Grundrisse bieten.

Nach vielen Wohnprojekten für Baugruppen war das Projekt Wohnen am Anger für roedig . schop architekten das erste für eine städtische Wohnungsbaugesellschaft. Der Bauherr widerstand der Versuchung eines angeblich wirtschaftlicheren Angebots für eine Fassade mit Wärmedämmverbundsystem und investierte in langlebige und nachhaltige Materialien. Die Wirtschaftlichkeit wurde nicht bis zur Fertigstellung und Schlüsselübergabe, sondern auch für den Betrieb und den gesamten Lebenszyklus betrachtet.

Projektdetails


Auszeichnung
Anerkennung Dt. Fassadenpreis 2018 für VHF
Nettokaltmiete
9,72 – 11,93 €/m² (Ø 10,57 €/m²)
Bauherr
STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH
Primärenergiebedarf
21,5 kWh/(m²a)
Fertigstellung
2/2017
Spez. Transmissionswärmeverlust
0,36 W/(m²K)
Anzahl der Wohnungen
62
Endenergiebedarf
84,2 kWh/(m²a)
Wohnfläche insgesamt
4.414 m²
Energieversorgung
Fernwärme
Geschossfläche
6.303 m²
Freianlagen
hochC Landschaftsarchitektur
Baukosten brutto (KG 300 + KG 400)
1.794 €/m² Wfl.

Die Autoren


Christoph Roedig & Ulrich Schop
Wir arbeiten seit 1999 als freischaffende Architekten und seit 2005 gemeinsam als roedig . schop architekten. Unsere Tätigkeitsbereiche umfassen Neubau, Umbau, Sanierung, Innenraumgestaltung, Gutachten, Städtebau, Projektmanagement und Projektentwicklung. Für die anspruchsvolle Architektur unserer Gebäude und Wettbewerbsbeiträge wurden wir mehrfach ausgezeichnet. Wir sind Mitglied im NBBA – Netzwerk Berliner Baugruppen Architekten und seit 2008 sind wir Partner im IfuH – Institut für urbanen Holzbau, Berlin.

www.roedig-schop.de

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